Seele, Zwischenwelt
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Die Getriebenen

Ein Riss geht durch die Welt

Für mich sind da auf der einen Seite die Satten, die Angekommenen, die Saturierten, die Abgesicherten, die Erfolgreichen, die Fertigen, die Zufriedenen. Sie sind bestrebt, das Erreichte zu verteidigen. Das geht soweit, das die Absicherung des Erreichten zum Selbstzweck wird.

Das drückt sich dann in ihrem Reden aus, in ihrem Auftreten, in ihrem Verhalten. Sich mit ihnen zu unterhalten, kann interessant sein, aber selten fruchtbar. Sie reden von Autos, von Geld, von Erfolgen, von ihrem Haus. Sie reden auch manchmal von Literatur, von Kunst, vom Leben. Aber man sieht immer das Monetäre, das Materielle dahinter durchblitzen. Sie reden, als würden sie spüren, dass da was fehlt, dass sie sich selbst belügen. Es klingt hohl und je mehr von ihnen an einem Ort zusammen sind, und je mehr sie darüber reden, umso mehr hört man dahinter das stumme Geschrei der ungestillten Bedürfnisse, der Sehnsucht nach Abenteuer, nach Wagnis. Es sind diese Menschen, die spüren, dass sie wenig zu geben haben. 

Die anderen sind die Unsicheren, die Unruhigen, nach stetiger Veränderung Strebenden, die nie Ankommenden, die, die nicht glücklich werden könnten, wenn sie einmal den Status der Sicherheit erreichen würden. Sie brechen immer wieder auf, scheitern ständig, weil sie scheitern müssen. Daraus ziehen sie ihre Lebensenergie, ihren Treibstoff. Sie würden verkümmern, wenn sie Sicherheit erreichten,

Sicherheit, das ist das große Thema unserer Tage, das ist in meinem Augen aber auch das große Unglück, an dem unsere Gesellschaft krankt, an dem sie auch eingehen wird. Und gerade zeigt uns Corona, dass eigentlich nichts sicher ist. 

Sicherheit, die führt zur Erstarrung, zur Nabelschau, zur Unbeweglichkeit. Sicherheit, das ist die giftige Spinne, in deren Netz sie gefangen sind. Alles wird dem Bedürfnis nach materieller Sicherheit untergeordnet.  Und ja, ganz ganz tief drinnen sind sie die eigentlich Unzufriedenen. Denn sie wissen, nein, sie spüren, wie bedroht diese Sicherheit ist. Sie kann morgen vorbei sein. Und dann stehen sie vor dem Nichts.

Die Unruhigen, nie Ankommenden, die Getriebenen aber werden im Alter häufig ruhiger.  Sie haben erfahren, dass ihr Getriebensein ihr Motor ist, und sie wissen, dass sie Sicherheit in ihrem Herzen finden können.

Ach, habe ich schon erwähnt, dass ich immer vorsichtig bin, wenn sich einer selbst als Getriebener bezeichnet? Bei denen bin ich erst einmal skeptisch. Genauso wie bei denen, die ihr »Ich brenne für diese Sache« allzu lauthals vor sich hertragen.

(überarbeitet und ergänzt im Januar 2021)

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