Draußen sein, Hamburg, Nachtleben
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Ein ganz normaler Feierabend …

Nacht, ein Wartehäuschen an einer Bushaltestelle, erleuchtet mit fahlem Neonlicht, dahinter eine kleine Vlla im Backsteinstil mit runden Fensterbögen

… nach einem ganz normalen Spätdienst, ein Abend im November. Es ist schon dunkel, schließlich ist 22 Uhr vorbei. Die Beleuchtung an der Bushaltestelle gibt nicht viel her.

In einigem Abstand sehe ich einen Rollstuhl mit einer eher schmächtigen alten Dame. Da direkt gegenüber ein Seniorenheim ist, vermute ich, dass sie von dort kommt. Aber wo will sie so spät noch hin? Ob sie aus dem Heim abgehauen ist? Man hört ja öfter solche Geschichten.

Der Helfer in mir will helfen. Als der Bus sich nähert, gehe ich zu ihr hin, frage sie, ob ich behilflich sein kann. Mit etwas unsteten Augen blickt sie mich an – aber sie freut sich. Ich schiebe sie in den Bus. Während der Fahrt kann ich sie in Ruhe beobachten. Sie ist ein wenig ärmlich gekleidet, was für die Bewohner des Seniorenwohnheims eher untypisch ist. Dann fällt mir auf, dass sie die ganze Zeit mit ihren Händen fahrig nestelnde Bewegungen macht. Die Fahrt nach Altona ist kurz, ich helfe ihr auch beim Aussteigen.

Wo sie denn hinwolle? Zu McDonalds im Souterain des Bahnhofs!

Ich hab noch Zeit, biete an, sie dorthin zu bringen. Auf dem kurzen Stück erzählt sie mir von dem großzügigen Haus, das sie besitzt. Dass sie einmal einen gut aussehenden Mann hatte – und ihr gefallen meine langen Haare.

Aber sie verrät mir nicht, wo ihr großes Haus steht. Bei McDonalds angekommen, bittet sie mich, ihr einen Espresso zu holen. Und nestelt immer noch mit ihren Händen. Sie will im Eingang warten. Weil sie sich noch mit ihrer Tochter treffen will. So spät noch? Ob sie verabredet seien?

Nein, die Tochter würde in der Nähe arbeiten, käme aber ab und zu hier vorbei.

Nun wird immer klarer, dass sie mich entweder die ganze Zeit anflunkert – oder aber verwirrt ist.

Im Seniorenheim geht um diese Zeit niemand mehr ans Telefon. Jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen. Andererseits scheint sie genau zu wissen, was sie will.

Mein Zug fährt bald ab. Im Bahnhof gibt es eine Polizeistation. Um mein Gewissen zu erleichtern, spreche ich dort noch vor. Erzähle von einer verwirrten alten Dame im Rollstuhl, um die ich mir Sorgen mache.

Der Polizist am Schalter lacht freundlich. »Ach, Sie meinen die, die mit den Händen ständig so komische Sachen macht? Da machen Sie sich mal keine Gedanken. Die kennen wir. Die ist regelmäßig hier …«

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