Monate: Januar 2020

Hochland im Kaukasus

Der freie Blick

Freitagmorgen: Sie steigt irgendwo in Moorrege in den Bus – eine Frau mit Kopftuch. Sie nimmt mir gegenüber Platz. Türkin! So viel scheint wegen des Kopftuchs und des übrigen Aussehens klar. Was mich irritiert und fesselt, ist ihr Blick. Sie blickt nicht nach unten oder verschämt zur Seite wie andere ‚Kopftuchträgerinnen‘ im morgendlichen Bus. Überhaupt entspricht sie keinem Klischee, das ich über muslimische Frauen in mir trage. Ich schätze sie auf Mitte 40. Nicht schön nach unseren Maßstäben: groß, mager, eher knochig. Ansätze zu einer Hakennase. Ihre Kleidung schlicht, aber nicht ärmlich. Sie ist nicht geschminkt, lediglich die Augenbrauen sind gezupft. Ihre Haut ist klar, so klar wie ihre Augen. Sie besitzt eine natürliche Autorität.  Was mich irritiert, was mich fesselt ist ihr Blick. Sie hat große helle, goldbraune Augen, ein leuchtendes Braun, darinnen ein Strahlen.  Sie schaut mich nicht an – aber nicht aus Verlegenheit. Ihr Blick schweift über das Draußen. Erfüllt von einer großen Neugier, aber auch von diesem inneren Strahlen. Was sie berührt mit ihren Augen, fängt an für einen Moment zu …