Alle Artikel in: Rezension

Axel Simon: Eisenblut

Eigentlich wollte ich keine Buchrezensionen mehr schreiben, denn in dem Moment, in dem ich weiß, dass ich über den jeweiigen Titel schreiben soll, wird es schwer, das Buch noch unbefangen zu lesen. Aber dann kam diese Anfrage von Rowohlt: »Das Deutsche Kaiserreich findet in der Spannungsliteratur nur selten Beachtung. Axel Simon wählt es als Setting für den Auftakt seiner neuen historischen Krimireihe.  Berlin 1888: Kleine Seitensprung-Schnüffeleien sind der Alltag seiner schlecht laufenden Detektei im miesen Berlin-Kreuzberg: Gabriel Landow, schwarzes Schaf seiner ostpreußischen Getreidejunker-Familie, fällt der Erfolg nicht gerade in den Schoß. Aber dann fällt ihm ein Observierter direkt vor die Füße.« Verlag und Autor ziehen in einem Presseinterview den Vergleich zu Babylon-Berlin, der überaus erfolgreichen filmischen Umsetzung von Volker Kutschers Gerhard-Rath-Krimis: »Davon, ein Babylon zu sein, ist das Berlin dieser Tage noch ein gutes Stück entfernt. Aber die Vertreibung aus dem Paradies hat längst stattgefunden. Die Pläne für Massenvernichtungswaffen liegen bereits in den Schubladen. Die Saat, die Jahrzehnte später im Ersten Weltkrieg aufgeht, wurde bereits in den Boden gesetzt. Aber vor allem und aus Landows Sicht: Das ist …

Boris Meyn: Sturmzeichen – eine Rezension

Boris Meyn, Sturmzeichen, rororo 2019, 252 Seiten »Sturmzeichen« ist der neunte Band (auf der Umschlagrückseite heißt es, es sei der achte!) der Krimireihe um die alteingesessene Hamburger Kaufmannsfamilie Bischop, die in den Boris-Meyn-Büchern immer wieder in Kriminalfälle verwickelt wird. Für mich ist es der erste Band aus der Reihe, den ich lese, und vermutlich wird es auch der letzte sein. Dieser Band spielt im Jahr 1929. Der braune Mob wird immer frecher. Gefolgsleute Hitlers sind schon auf dem Weg zu den ersten wichtigen Schaltstellen der Macht in Hamburg. Allerdings, wer aufgrund des Titels vermutet, dass die Braunen eine zentrale Rolle spielen, wird enttäuscht. Zwar tauchen sie im Verlauf des Geschehens immer wieder auf, entscheidend für den Plot sind sie aber nicht. Protagonistin dieses Bandes ist Ilka Bischop, einzige Tochter der Familie. Ihr jüngerer Bruder Robert – so muss sie schmerzvoll erfahren – hat sich den Nationalsozialisten angedient. Ihr älterer Bruder David, ein Adoptivsohn der Familie, aber steht verlässlich an Ilkas Seite. Auch sonst hat »Frollein Bischop« so ziemlich alle Vorteile auf ihrer Seite. Sie ist neugierig, …

Der Stern der Elbe

Der Stern an der Elbe (so der ursprüngliche Titel)  – von Diana Seidel) Ein ganz und gar erstaunliches Buch. Es fängt an wie ein altmodisches Mädchenbuch, entwickelt sich aber schnell zu einem weiblichen Entwicklungsroman. Das Buch ist flott, frisch und immer mit Schalk in den Augen geschrieben. Die Geschichte bleibt stets fesselnd und amüsant. Hauptperson ist die freche, selbstbewusste Jetta. Eine junge Frau, die genau weiß, was sie will und sich dies auch nimmt. Sie ist zweifelsohne egoistisch,  bleibt trotzdem oder gerade deswegen sympathisch. Eingebettet ist ihre Geschichte in das Schicksal der ganzen Familie Reckwisch. Jedes Familienmitglied ist sehr individuell gezeichnet, jeder ein ganz unterschiedlicher Charakter. Einige sind sympathisch, einige weniger. Aber auch sie entwickeln sich. Fritz, der hübsche Bruder, ist als Kind hinterhältig und berechnend, wird später, als Erwachsener, zumindest im Umgang mit seinem (ungewollten) Kind, menschlicher. Die Reckwischs sind alle sehr selbstbezogen bis auf die Mutter und die ältere Schwester. Die Zeit, die Geschichte spielt direkt nach dem ersten Weltkrieg bis in die Zwanzigerjahre, wird sehr lebendig geschildert. Als Leser sieht man das alles …