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Viele verschiedenartige bunte Blumen

Pro Kunde maximal ein Körbchen …

Endlich – die Blumenläden sind wieder geöffnet. Gestern am ersten Tag nach dem Lockdown nachmittags eine lange Schlange vor dem Laden am Bahnhof Altona, wo ich meist die Blumen für meine Katze kaufe.

Heute Morgen, ich komme aus der Nachtbereitschaft, bin ich der einzige Kunde. Am Eingang stehen Einkaufskörbe, darüber ein Schild: Pro Kunde maximal ein Körbchen.

Ist der Andrang so groß? Hamstern die Menschen jetzt Blumen statt Toilettenpapier? Werden Blumen jetzt rationiert? So richtig verstehe ich den Hinweis nicht. Ich kaufe zwei kleine Sträuße, die zu Hause in der Vase zu einem zusammengestellt werden. Nachdem ich – immer noch einziger Kunde – bezahlt habe, ermahnt mich die Verkäuferin, doch bitte demnächst einen Korb für den Einkauf zu nehmen.

Ich muss wohl etwas verdutzt geguckt haben. Mir dämmert es zwar langsam … Sie setzt aber rasch nach. »Jeder Kund muss einen Korb nehmen!« Aber das steht nicht da draußen. Der Sprachaufklärer in mir insistiert: »Da draußen auf dem Schild steht: Pro Kunde maximal ein Körbchen. Da steht nicht: Zutritt nur mit einem Korb. Oder: Jeder Kunde, der hier Blumen kaufen will, muss einen Korb benutzen.«

Für sie ist der Hinweis völlig verständlich. Noch einmal will ich korrigieren. Aber sie lässt mich nicht zu Wort kommen. »Das ist doch vollkommen klar. Das weiß jeder. Bei Edeka ist es ganz genauso!«

Gegen diese Logik ist kein Kraut gewachsen. Leicht verschämt verlasse ich den Laden.

Lichter eines großen Hauses in der Nacht, leicht verscchwommen

Aiutatemi!

Ein ganz normaler Feierabend nach einem ganz normalen Spätdienst. Es ist nach zehn Uhr abends, es ist dunkel. Auf meinem Weg zur Bushaltestelle komme ich wie immer am nahegelegenen Seniorenwohnheim vorbei.

Plötzlich höre ich aus der Dunkelheit eine kleine klagende Stimme: Aiutatemi, aiutatemi! (Helfen Sie mir, helfen Sie mir!) Ich nähere mich dem hüfthohen Tor, hinter dem eine zierliche Frau steht, ihrem Hilferuf nach eine Italienerin – und leicht verwirrt.

Ich gehe auf sie zu, sodass nur noch das Tor zwischen uns ist, und frage sie, wie ich ihr helfen kann. Ich solle ihr das (natürlich abgeschlossene) Tor öffnen, damit sie weg kann. Das sagt sie nun auf Deutsch. Sie trägt normale Kleidung, also mehr als ein Nachthemd, was dafür spricht, dass sie sich ihre »Flucht« soweit gut überlegt hat.

Sehr undiplomatisch und entgegen meiner sonstigen Art entgegne ich ihr kurz und knapp, dass sie um diese Zeit bestimmt nicht »raus darf«. Woraufhin sie plötzlich gar nicht mehr verwirrt scheint, sondern mir entgegnet, dass ich aber sehr unfreundlich sei.

Nacht, ein Wartehäuschen an einer Bushaltestelle, erleuchtet mit fahlem Neonlicht, dahinter eine kleine Vlla im Backsteinstil mit runden Fensterbögen

Ein ganz normaler Feierabend …

… nach einem ganz normalen Spätdienst, ein Abend im November. Es ist schon dunkel, schließlich ist 22 Uhr vorbei. Die Beleuchtung an der Bushaltestelle gibt nicht viel her.

In einigem Abstand sehe ich einen Rollstuhl mit einer eher schmächtigen alten Dame. Da direkt gegenüber ein Seniorenheim ist, vermute ich, dass sie von dort kommt. Aber wo will sie so spät noch hin? Ob sie aus dem Heim abgehauen ist? Man hört ja öfter solche Geschichten.

Der Helfer in mir will helfen. Als der Bus sich nähert, gehe ich zu ihr hin, frage sie, ob ich behilflich sein kann. Mit etwas unsteten Augen blickt sie mich an – aber sie freut sich. Ich schiebe sie in den Bus. Während der Fahrt kann ich sie in Ruhe beobachten. Sie ist ein wenig ärmlich gekleidet, was für die Bewohner des Seniorenwohnheims eher untypisch ist. Dann fällt mir auf, dass sie die ganze Zeit mit ihren Händen fahrig nestelnde Bewegungen macht. Die Fahrt nach Altona ist kurz, ich helfe ihr auch beim Aussteigen.

Wo sie denn hinwolle? Zu McDonalds im Souterain des Bahnhofs!

Ich hab noch Zeit, biete an, sie dorthin zu bringen. Auf dem kurzen Stück erzählt sie mir von dem großzügigen Haus, das sie besitzt. Dass sie einmal einen gut aussehenden Mann hatte – und ihr gefallen meine langen Haare.

Aber sie verrät mir nicht, wo ihr großes Haus steht. Bei McDonalds angekommen, bittet sie mich, ihr einen Espresso zu holen. Und nestelt immer noch mit ihren Händen. Sie will im Eingang warten. Weil sie sich noch mit ihrer Tochter treffen will. So spät noch? Ob sie verabredet seien?

Nein, die Tochter würde in der Nähe arbeiten, käme aber ab und zu hier vorbei.

Nun wird immer klarer, dass sie mich entweder die ganze Zeit anflunkert – oder aber verwirrt ist.

Im Seniorenheim geht um diese Zeit niemand mehr ans Telefon. Jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen. Andererseits scheint sie genau zu wissen, was sie will.

Mein Zug fährt bald ab. Im Bahnhof gibt es eine Polizeistation. Um mein Gewissen zu erleichtern, spreche ich dort noch vor. Erzähle von einer verwirrten alten Dame im Rollstuhl, um die ich mir Sorgen mache.

Der Polizist am Schalter lacht freundlich. »Ach, Sie meinen die, die mit den Händen ständig so komische Sachen macht? Da machen Sie sich mal keine Gedanken. Die kennen wir. Die ist regelmäßig hier …«

Nachts um drei

manchmal

 

nachts um drei

 

wenn nichts mehr ist,

in jenem Moment von jetzt

wenn die Welt den Atem anhält

 

in jener Pause zwischen dem Ausatmen des Gestern und dem Einatmen für den neuen Tag

 

entsteht ein Riss in der Zeit

 

und wenn ich Glück habe

hochschrecke aus meinem Schlaf

genau in jenem Moment die Augen aufschlage

furchtlos – voller Angst

 

kann es sein

dass unsichtbare Fahnen vor meinen Augen wehen

ich auf dem Gipfel stehe

oder

eine alte Frau an meinem Bett steht

auf mich herab schaut

 

– durch jenen Riss herausgetreten –

und ohne Worte bittet

dass ich ihre Seele erlöse

 

oder ist es Zeit für mich

durch jenen Spalt zu gehen

um mir diese andere Wirklichkeit anzusehen?

Es scheint so einfach

– in jenem Moment –

Leuchttürme

Leuchttürme faszinieren seit jeher nicht nur den Seefahrer, sondern auch Menschen, die eigentlich keinerlei Verbindung zur Seefahrt haben. Leuchttürme sind nicht nur Licht- und Wegmarken für die Schifffahrt, der sie Gefahrenstellen, aber auch den richtigen Weg signalisieren, gleichzeitig sind sie immer auch schon Symbole, die für den Binnenländer Abenteuer, Fernweh und Seeluft bedeuten.

Sturmumtost, weder ganz zum Land, noch zur See gehörend, auf wind- und wettergegerbten Felsen stehend, sind sie Licht im Dunkel, Wegweiser für die Umherirrenden, bedeuten die Sicherheit des Festlandes vielleicht sogar des Heimathafens, das Symbol des Ankommens, aber auch Fingerzeig in die Ferne, ins unbekannte, gefahrvolle, geheimnisumwitterte Leben auf dem Wasser bzw. in der weiten, fremden Welt.

Das Gesicht des Autors, liegend en einem Sandstrand, im Hintergrund blauer Himmel, davor eine gelbe Badekabine, rechts aufsteigend eine begrünte Düne

Der Mörder in mir!

Wie komme ich zum Bücherrezensieren? Eigentlich sind es ja hauptsächlich Krimis, über die ich schreibe, aber ab und an könnte durchaus auch mal ein anderes literarisches Genre dabei sein. Es gibt einfach zu viele gute Bücher, als dass ich nur Krimis lesen und rezensieren könnte. Aber um wenigstens mal einen Anfang zu machen, folgt hier ein Überblick über meine Krimileidenschaft. 

Als Jugendlicher hatte ich mit Krimis noch nichts am Hut. Ich las Hesse (natürlich), Grass, Wilde, Frisch, Borchert, die Manns und dergleichen. Glücklicherweise stand ich im Fach Französisch zwischen einer Fünf und einer sechs (trotz Sprachbegabung). Das brachte den mir wohl gewogenen Französischlehrer auf die Idee, mir ein Referat zum Thema: Kriminalliteratur im Wandel der Zeit. Inhaltlich wurde dabei eine Linie gezogen zwischen Kriminalromanen aus der Zeit eines Sherlock Holmes bis hin zu Dieter Wellershoffs »Die Schattengrenze«, den die meisten Krimi-Liebhaber ungern in ihrem Lieblingsgenre eingeordnet sehen. Aber mein Interesse war geweckt, es sollte allerdings noch einmal ein paar Jahre dauern, bis ich wirklich fest anbiss. 

Den ersten Suchtstoff lieferten mir die faszinierenden Romane des schwedischen Autorenpaares Sjöwall/Wahlöö, deren Kommissar-Beck-Reihe im Fernsehen leider unendlich fortgeschrieben wird. Ein paar Jahre später folgte die Rabbi-Serie von Harry Kemelmann. Kurz darauf erhielt ich von einer Nachbarin den Tipp, mich doch einfach mal mit Tony Hillerman zu beschäftigen. Jetzt hatte es mich endgültig gepackt. Ich habe es im Übrigen immer so gehalten, dass, wenn ich Gefallen an einem Autor gefunden hatte, ich möglichst alles von ihm las, was zu bekommen war.  

Und dann hatte ich das Glück, in einem Gemeinschaftsbüro zu landen, das ich mit mehreren Hardcore-Krimiliebhabern teilte. Fast täglich erhielt ich neue Tipps, jetzt folgte eine Empfehlung auf die andere, zunächst vor allem Amerikaner*innen: Susanna Moore (Der Aufschneider), Jerry Oster mit seinen New York-Krimis, Jerome Charyn mit seinen Isaac Sidel-Romanen (ein verrückter Schreiber mit einem größenwahnsinnigen Protagonisten, nichts destotrotz einer meiner Lieblingsautoren). Jeffrey Deaver, Michael Connelly, John Katzenbach, James Elroy, Marcel Montecino, Andrew H. Vachss und natürlich Jim Thompson (Der Mörder in mir!) folgten.

Schließlich entdeckte ich auch die Skandinavier wieder, allen voran Henning Mankell, auf gleicher Höhe dann Hakan Nesser, Adler Olson, Arnaldur Indridason, Ysar Sigurdardottir, Anne Holt, Stieg Larsson (in meinem Augen kein wirklicher Krimi-Autor) und dessen viel bessere Namensschwester Asa Larsson.

Und wo bleiben die deutschen Autoren? Da gab es für mich nicht sehr viele: Nach den Eifelkrimis von Jaques Berndorf (auch die ganze Reihe, anfänglich begeistert, dann immer mehr enttäuscht) blieb ich lieber bei den Skandinaviern, bis ich auf den Grenzgänger zwischen diesen Welten stieß: Jan Costin Wagner! Endlich wieder eine deutsche literarische Neuentdeckung im Krimigenre, die mich über alle Maßen fasziniert. 

Eingestreut las ich ein paar Italiener: Fruttero & Lucentini (la ditta), Donna Leon, Andrea Camilleri (war auch mal besser), eine Französin: Fred Vargas (die beste).

Und in den letzten Jahren? Natürlich Joe Nesboe und – für mich tatsächlich eine Neuentdeckung – obwohl einer der größten Kriminalschriftsteller überhaupt: James Lee Burke. 

Mit Sicherheit habe ich ungefähr mehrere Dutzend Krimi-Autoren vergessen. Aber die wichtigsten sollten jetzt genannt sein. 

Zwischendurch habe ich mich im Krimi-Bereich unter den Selfpublishern umgesehen. Nach einem halben Jahr gab ich enttäuscht auf. Ich musste im Schnitt zwanzig selbstverlegte Krimis lesen, bis ich auf einen einigermaßen guten Autoren stieß, aber auch diese spielen nicht in einer Liga mit den bisher genannten Schriftstellern. 

Worüber ich nur den Kopf schütteln kann, das ist der deutsche Krimi-Kolonialismus, sowohl im Buch als auch im Fernsehen. Am deutschen Krimiwesen soll die Welt genesen. Deutsche Autoren lassen ihre Protagonisten überall dort ermitteln, wo sie selbst schon mal Urlaub gemacht haben, und deutsche Fernseh-Krimis sollen den Franzosen, den Spaniern, den Italienern (ich erinnere nur an die grausam schlechten Donna Leon-Verfilmungen mit deutschen Schauspielern) und den Türken zeigen, wie gute Krimis gemacht werden. Kein weiteres Wort darüber!

Bis hierher! Das war ein knapper Überblick über meine Krimi-Lesehistorie – und ja, ich lese lieber, als dass ich mir Verfilmungen anschaue. Bei Gelegenheit liefere ich noch einen Nachschlag über meine Lieblingsbücher in der Belletristik.

Ein Meer bei Sonnenuntergang, das Wasser vorne ist fast schwarz, darüber wie brennend die Sonne, kleine dunkle Wolken

Böse Wasser

Hat Wasser eine Seele? Kann Wasser böse sein? Ich glaube ja. Vor Jahren machte ich Urlaub in der Bucht von Gökeva, in der südlichen Ägäis. Die Bucht gehört zur Türkei. Damals war sie nur Einheimischen bekannt, weshalb ich an diesem Tag auch der einzige Ausländer unter lauter Türken am Strand war. Vielleicht deshalb kam plötzlich eine Schar von jungen Leuten aufgeregt auf mich zu und bat mich um Hilfe.

Ein junger Mann, der gar nicht richtig schwimmen konnte, war von einer Querströmung abgetrieben worden. Das einzige Hilfsmittel, das mir spontan einfiel, war ein Kletterseil, das ich fast immer im Rucksack bei mir trug. Ich rannte mit dem Seil in die angegebene Richtung. Bald sah ich den »in Seenot geratenen« jungen Mann auf einer Luftmatratze mir entgegen paddeln.

Offensichtlich war ihm schon jemand zu Hilfe gekommen. Aber er sah erschöpft und ängstlich aus. Ich rief ihm zu, das Ufer anzusteuern, wo ich stand. Das war nicht ganz einfach. Es handelte sich um eine Felsküste, ich stand auf einer kleinen Klippe etwa einen Meter über dem Wasserspiegel.

Er vertraute mir und paddelte auf mich zu, packte das Seil und ließ die Luftmatratze los. Er erreichte den kleinen Felsvorsprung und versuchte, sich daran hochzuziehen. Ich unterstützte ihn dabei, in dem ich an dem Seil zog, das er noch immer festhielt. Sobald ich seine Hand erreichen konnte, packte ich diese und zog ihn hoch. Aber jedesmal, wenn ich glaubte, jetzt könne er es schaffen, schnappte – ich kann es nicht anders beschreiben – das Wasser nach ihm. Vier- oder fünfmal zog ich ihn an seiner Hand nach oben, jedesmal kam eine Welle, die ihn wieder ins Wasser zog.

Erst beim sechsten Mal gelang es uns mit vereinter Kraft, dass er festen Boden unter die Füße bekam. Er kratzte sich dabei noch den Oberschenkel an einer Felskante auf, aber wir waren beide froh, dass wir dieses Erlebnis glücklich überstanden hatten.

Er war genauso verwirrt wie ich. Wir verloren uns gleich aus den Augen. Aber die Erinnerung an dieses unheimliche Verhalten des Wassers werde ich nie vergessen.

Bin ich jetzt Kulturkritiker!?

Kultur-port.de ist das etablierte Online-Portal für Kunst, Kultur und Events in Hamburg. Für mich ergab sich die Gelegenheit, dort einen Artikel über die erste große Ausstellung meines Freundes Michael Knepper in Hamburg zu schreiben.

Michael und ich kennen uns schon seit Kindertragen. Nachdem wir uns während des Studiums aus den Augen verloren hatten, nahmen wir vor ca. einem Jahrzehnt wieder Kontakt auf. Er lebte mittlerweile mit seiner Familie in Hamburg und hat es in seinem Bereich der Malerei zu großer Meisterschaft gebracht. Eine kleine Auswahl seiner Werke ist jetzt in der Hamburger Galerie Kunstraum in der Deichstraße 28 zu bewundern.

Hier der Link zum kultur-port-Artikel: http://bit.ly/kultur-port-Michael-Knepper

Großes Gebäude aus rotem Backstein, mit bunten Verzierungen, gestaltet nach Vorlagen von Friedensreich Hundertwasser

One night in Bangkok

One night in Bangkok, äh … Uelzen. Was mache ich nachts um 3 Uhr in Uelzen? Hätte mir jemand vor drei Tagen erzählt, dass ich das nächtliche Uelzen erkunden werde, den hätte ich ausgelacht. Aber es ist so.

Die häufigen Zugfahrten nach Hamburg und zurück gehen ins Geld. Deshalb gucke ich immer, dass ich Zugtickets zum Sparpreis bekomme. Mit BahnCard 25 kostet dann so eine Fahrt von Bitburg nach Hamburg nur 23.90 Euro. Und für Hamburg ist im Preis sogar noch ein Cityticket drin. Nur, ich glaub die Bahn hat das gemerkt und spielt nicht mehr mit. Ab sofort will sie an mir verdienen. Denn die bietet plötzlich kaum noch Sparpreistickets auf dieser Strecke an.

Aber wer lange genug sucht und warten kann, findet auch immer mal wieder eine dieser günstigen Fahrkarten. So auch ich. Abfahrt ab Bitburg abends gegen halbsieben. Ankunft morgens in Hamburg so gegen sechs.

Da hätte ich schon stutzig werden müssen. Da aber die Billigtickets nur in begrenzter Anzahl zur Verfügung stehen, buche ich sofort. Erst als ich das Ticket samt Fahrplan runtergeladen habe, merke ich, was ich mir angetan habe. Die Verbindungen Bitburg-Köln und Köln-Hannover sind völlig im Rahmen.

Aber dann steht da: Hannover-Uelzen. Oops. Aber was noch schlimmer ist: Uelzen an: 1:38 Uhr. Uelzen ab: 5:01 Uhr.

Das bedeutet dreieinhalb Stunden Wartezeit mitten in der Nacht. Und es kommt, wie ich befürchtet habe: Das Bahnhofsgebäuede (übrigens nach Plänen von Friedensreich … ja, genau dem) gestaltet, ist nachts abgeschlossen. Also laufe ich durch Uelzen, und zwar dreieinhalb Stunden. Selbst McDonalds hat schon geschlossen. Je länger ich rumwandere, umso mehr macht mir die Kälte zu schaffen. Und der Heuschnupfen.

Hatte ich erwähnt, dass die Bäume in Uelzen gerade in schönster Blüte stehen? Dass es Nacht ist, hindert diese Ferkel nicht, ihrem Vermehrungstrieb nachzugehen und ihre Pollen massenweise auszusenden. Ich finde eine Passage, in der der Wind keinen Zutritt hat. Dort drinnen ist es auch nicht ganz so kalt. Also beschließe ich, mich dort etwas aufzuwärmen. Da steht sogar eine kleine Sitzgruppe. Da könnte ich doch gleich vor Ort meine gesammelten Emotionen zu Papier bzw. in die Tastatur bringen?

Doch kaum habe ich mich niedergelassen, übermannt mich ein gewaltiger Niesanfall. Und in der Passage hört sich jeder Nieser so an, als würde ein alter Bär an chronischer Bronchitis eingehen. Um die Putzfrau in der benachbarten Kneipe nicht allzu sehr zu verschrecken, verlasse ich die Passage, die mir kurzfristig wie ein kleines Paradies vorgekommen war.

Fazit: Uelzen ist hübsch, eine schöne kleine Heidestadt mit einer großen Anzahl an historischen Gebäuden.

Es könnte so angenehm sein, wenn irgendwas um diese Zeit noch offen hätte …

So renne ich also weiter die ganze Zeit kreuz und quer durch das Städtchen. Es ist a…kalt. So um die vier Grad. Die Katze, die sich immer auch um meine Gesundheit sorgt, hatte mir geraten, ich solle mir meinen Bindfaden (sprich: Schal) um den Hals binden. Das habe ich als alter Besserwisser natürlich nicht getan. Als ich zum dritten Mal an der Sparkasse vorbeilaufe, sehe ich, dass diese ein großes Foyer hat, in dem die Geldautomaten stehen. Das ist doch bestimmt …

Und tatsächlich: Mit einem leisen Zischen öffnen sich die Schiebetüren. Wow. Und es ist tatsächlich warm dadrin. Freundlicherweise liegt auch ein Kundenmagazin aus. So komme ich neben der Wärmesogar noch in den Genuss kultureller Bildung und erfahre nebenbei, wer in Uelzen kulturell gerade was zu sagen hat. In der Wärme werde ich langsam schläfrig. Das ist nicht angebracht. Ich möchte nicht unbedingt von der Polizei als Penner aufgegabelt werden.

Also mache ich mich ca. eine Stunde vor Weiterfahrt wieder auf die Beine und laufe erneut durch die Stadt. Irgendwann ist es dann soweit. Der Zug startet hier vor Ort, deshalb geht es sehr früh los, sodass ich schon um Viertel vor fünf – endlich! – im warmen Abteil sitze.

Kahler gefrorener Ackerboden im Vordergrund, hinten vor dem blassblauen Winterhimmel ein Kirche

Über Joachims Bücher

»Bücher schaffen neue Welten. Bücher erheben den Geist. Bücher stopfen Löcher. Bücher betäuben. Irgendwo dazwischen … in diesem riesigen Berg von Büchern sitze ich und atme, esse, lese, schreibe, arbeite, liebe …«

So schrieb ich vor ca. 7 Jahren. Leider habe ich nicht mehr die Zeit, dieses Buchblog zu pflegen. Deshalb habe ich alle Beiträge in mein allgemeines Blog (hajoschneider.blog) importiert und die eigenständige Seite Joachims Bücher gelöscht.

Axel Simon: Eisenblut


Eigentlich wollte ich keine Buchrezensionen mehr schreiben, denn in dem Moment, in dem ich weiß, dass ich über den jeweiigen Titel schreiben soll, wird es schwer, das Buch noch unbefangen zu lesen. Aber dann kam diese Anfrage von Rowohlt:

»Das Deutsche Kaiserreich findet in der Spannungsliteratur nur selten Beachtung. Axel Simon wählt es als Setting für den Auftakt seiner neuen historischen Krimireihe. 

Berlin 1888: Kleine Seitensprung-Schnüffeleien sind der Alltag seiner schlecht laufenden Detektei im miesen Berlin-Kreuzberg: Gabriel Landow, schwarzes Schaf seiner ostpreußischen Getreidejunker-Familie, fällt der Erfolg nicht gerade in den Schoß. Aber dann fällt ihm ein Observierter direkt vor die Füße.«

Verlag und Autor ziehen in einem Presseinterview den Vergleich zu Babylon-Berlin, der überaus erfolgreichen filmischen Umsetzung von Volker Kutschers Gerhard-Rath-Krimis:

»Davon, ein Babylon zu sein, ist das Berlin dieser Tage noch ein gutes Stück entfernt. Aber die Vertreibung aus dem Paradies hat längst stattgefunden. Die Pläne für Massenvernichtungswaffen liegen bereits in den Schubladen. Die Saat, die Jahrzehnte später im Ersten Weltkrieg aufgeht, wurde bereits in den Boden gesetzt. Aber vor allem und aus Landows Sicht: Das ist die modernste Zeit, die er kennt.«

Das hat mich neugierig gemacht. Eine ganze Reihe soll daraus werden. Und weil ich von Babylon-Berlin so fasziniert war, habe ich mich auf dieses Werk, das im Berlin des Drei-Kaiser-Jahres (1888) spielt, eingelassen. Was dabei rausgekommen ist, findet ihr unter nachstehendem Link:

https://bit.ly/34lcadr

 

Dein Glück

Dein Glück

 

Vater – mein Vater –

 

Körper – mein Körper, sag ich

 

wer bist Du

wo bist Du

wer liegt da neben mir –

mein Glück –

Körper – zerrissen –

entgrenzt –

ich taumele über mein Glück

Körperchen, sagt N.

zerrissen, das Fleisch in alle Winde zerstreut

von allen guten Geistern verlassen –

Körper, wo bist Du

wer liegt da neben mir?

Körperchen, sagt N.

zerrissen – wieder zusammengetragen

im Herzen

wo ist mein Glück? wo bist Du, wo bist Du

wo bin ich …

Vater, mein Vater – mein Herz

ich bin – ich bin – ich bin

ich bin das – wo ist Ich bin?

 

Ich taumel jetzt noch vor Glück, sagt R.

ich will, ich will

ich will das nicht

ich will das nicht

Ich habe das geschafft, sagt I.

Ich will das nicht, sag ich

Körperchen, sagt N.

wer bist Du?

wer liegt da neben mir

zerrissen, allein gelassen –

zerpflückt, selbst

zerrissen, wieder zusammengetragen

ich, du, er, sie, es – ihr haltet es nicht aus

ich halte aus – ich halte aus – ich bin,

ich bin, sagt J.C., ich bin, der ich bin

 

entgrenzt –

wer liegt da noch immer in meinem Bettchen

wer liegt da immer noch in meinem Bett?

ich bin – sag ich

Körperchen, sagt N.

mein Glück, sag ich,

von den guten Geistern verlassen

verstört, verstörend,

ich will das nicht, sagt U.

ich kann das nicht, sag ich

dass uns der Tod nicht anspringt,

dass uns der Tod nicht anspringt,

während wir lieben, während wir lieben, sagt B.

nach Hause, wo ist zu Hause?

im Herzen das Glück,

wer liegt da neben mir?

bist Du es, immer noch, immer noch, immer noch

die Knochen, das Fleisch,

wieder zusammengetragen –

das Glück,

 

die Geister, die ich rief,

wie werde ich sie wieder los?

ich will, sag ich

Du lachst.

 

Er taumelt noch vor Glück, sagt R.

Ich will das nicht, sag ich

Glück, wo bist Du?

Wer liegt da neben mir!?

 

Ich bin, sag ich

Ich bin, der ich bin, sagt Ich

 

Wo ist mein Fleisch?

Ist das mein Fleisch?

Vater, mein Vater, lass mich.

Vater, höre meine Stimme, sagt J.

 

Körper, mein Körper, wo bist Du

ich bin, sag ich,

ich, bin, doch, hier,

 

ich

bin

doch

hier

 

Glück, sag ich

Körperchen, sagt N.

ich will

Du lachst

Körper, mein Körper

 

für R.

für N.

für U.

Für I.

für mich

 

wer bist du, sag ich

Schweigen.

Stille

Rauschen

rauscht das Glück?

Leise rieselt der Schnee –

vor Glück!

Ich bin, sag ich,

Du warst, warst Du? sagst Du

Der Körper, zerpflückt, von allen

 

guten Geistern (verlassen)

in alle Winde zerstreut.

wieder zusammengetragen.

Gehet hinaus in alle Welt,

ich werde bei Euch sein,

ich werde bei Dir sein,

 

sagst Du, heiliger Geist,

Vater, mein Vater,

zerstreut, zerstreut,

wird’n langer Weg, sag ich

Viel Glück!

 

Wer liegt da neben mir?

vor Glück,

das Glück

ich bin, sag ich,

Bin ich? sag ich

 

(25.9.2014 – Copyright: Hans-Joachim Schneider)

Hochland im Kaukasus

Der freie Blick

Freitagmorgen: Sie steigt irgendwo in Moorrege in den Bus – eine Frau mit Kopftuch. Sie nimmt mir gegenüber Platz. Türkin! So viel scheint wegen des Kopftuchs und des übrigen Aussehens klar.

Was mich irritiert und fesselt, ist ihr Blick. Sie blickt nicht nach unten oder verschämt zur Seite wie andere ‚Kopftuchträgerinnen‘ im morgendlichen Bus.

Überhaupt entspricht sie keinem Klischee, das ich über muslimische Frauen in mir trage. Ich schätze sie auf Mitte 40. Nicht schön nach unseren Maßstäben: groß, mager, eher knochig. Ansätze zu einer Hakennase. Ihre Kleidung schlicht, aber nicht ärmlich.

Sie ist nicht geschminkt, lediglich die Augenbrauen sind gezupft. Ihre Haut ist klar, so klar wie ihre Augen. Sie besitzt eine natürliche Autorität. 

Was mich irritiert, was mich fesselt ist ihr Blick. Sie hat große helle, goldbraune Augen, ein leuchtendes Braun, darinnen ein Strahlen. 

Sie schaut mich nicht an – aber nicht aus Verlegenheit. Ihr Blick schweift über das Draußen. Erfüllt von einer großen Neugier, aber auch von diesem inneren Strahlen. Was sie berührt mit ihren Augen, fängt an für einen Moment zu leuchten. Sie erfreut sich an dem, was sie sieht.

Sie ist nicht gebeugt, nicht enttäuscht vom Leben hier im Westen. Sie freut sich jeden Tag. Ein klein wenig scheu – aber mehr die Art natürliche Scheu – grüßt sie eine junge Türkin, mit der sie wenig später aussteigen wird. Vielleicht eine Kollegin.

In Bildern, die sich in meiner Phantasie formen, sehe ich sie als Stammesfürstin irgendwo im vorderasiatischen Hochland. 

Auch als sie schon ausgestiegen ist, hält mich ihre Erscheinung noch lange in ihrem Bann. Ich bin glücklich, dass es solche Menschen noch gibt. Ich bin dankbar, dass ich ihr an diesem Morgen begegnet bin.

Liebende

Liebende

Dass uns der Tod nicht anspringt,

während wir lieben,

die Versuchung auszubrechen,

das Treibholz zu ergreifen und

wegzuschwimmen, flutabwärts,

dass uns die Namen derer,

die wir verrieten

– Stirn – Augen – Hände –

dass uns ihre Schatten nicht schlagen,

während wir schlafen, während wir lieben,

und die heraufdämmernden Schatten jener,

die ihnen folgen werden

und die wir zu opfern bereit sind

in den Armen der anderen Absterbenden,

dass wir nicht – Liebende –

selber zum Opfer werden,

dass wir nicht scheitern

an unserer Unersättlichkeit,

dass wir nicht scheitern!

(unbekannter Verfasser, gefunden in einer WG, ca. 1980)

Boris Meyn: Sturmzeichen – eine Rezension

Boris Meyn, Sturmzeichen, rororo 2019, 252 Seiten

»Sturmzeichen« ist der neunte Band (auf der Umschlagrückseite heißt es, es sei der achte!) der Krimireihe um die alteingesessene Hamburger Kaufmannsfamilie Bischop, die in den Boris-Meyn-Büchern immer wieder in Kriminalfälle verwickelt wird. Für mich ist es der erste Band aus der Reihe, den ich lese, und vermutlich wird es auch der letzte sein.

Dieser Band spielt im Jahr 1929. Der braune Mob wird immer frecher. Gefolgsleute Hitlers sind schon auf dem Weg zu den ersten wichtigen Schaltstellen der Macht in Hamburg. Allerdings, wer aufgrund des Titels vermutet, dass die Braunen eine zentrale Rolle spielen, wird enttäuscht. Zwar tauchen sie im Verlauf des Geschehens immer wieder auf, entscheidend für den Plot sind sie aber nicht.

Protagonistin dieses Bandes ist Ilka Bischop, einzige Tochter der Familie. Ihr jüngerer Bruder Robert – so muss sie schmerzvoll erfahren – hat sich den Nationalsozialisten angedient. Ihr älterer Bruder David, ein Adoptivsohn der Familie, aber steht verlässlich an Ilkas Seite.

Auch sonst hat »Frollein Bischop« so ziemlich alle Vorteile auf ihrer Seite. Sie ist neugierig, klug, attraktiv, emanzipiert und steinreich. Als Hobby-Detektivin führt sie stets ein paar Dietriche und ein Schießeisen in der Handtasche mit sich – neben den üblichen Damenutensilien. Sie arbeitet in Berlin für die Vossische Zeitung, sie ist bekannt mit Carl von Ossietzky und Kurt Tucholsky. Außerdem – man möge mir den Kalauer an dieser Stelle verzeihen – ist sie ein wenig schwanger. 

Allerdings ist Ilka sich nicht sicher, wer denn nun der leibliche Vater ist. Stammt die Frucht ihres Leibes aus der On-Off-Beziehung mit dem wohlhabenden Schweden Ture, dem One-Night-Stand mit einem attraktiven russischen Tänzer, oder ist ihr aktueller Geliebter Laurens, Kriminalkommissar bei der Hamburger Polizei, vielleicht der Vater des Kindes? Für den Kampf anderer Frauen um Gleichberechtigung hat sie nur ein müdes Lächeln. Eine fast vollzogene Vergewaltigung streift sie ab wie eine lästige Fliege.

Der Kriminalfall

Zunächst sieht es so aus, als hätten wir es mit einem Mordfall zu tun. Ein jüdischer Bankier, zufällig Mieter in einer der noblen Villen der Protagonistin, treibt tot in der Alster. Bei der Suche nach der Todesursache findet man ein Parteiabzeichen in der Faust des Toten. Ein antisemitisch motiviertet Mord also?

Aber der gute Bankier hat es wohl geschäftlich übertrieben. Es stellt sich heraus, dass er ihm anvertraute Gelder in Millionenhöhe veruntreut hat, um einen großen Deal mit ›Südfrüchten‹ zu finanzieren. Um was es bei diesem Südfrüchte-Deal wirklich geht, das versuchen nun Laurens, der Kriminalkommissar, und Ilka Bischop als Hobbydetektivin herauszufinden.

Stets ist Ilka ihrem geliebten Laurens um einen Schritt voraus. Unterstützung erhält sie dabei von unerwarteter Seite. Auch und gerade als es um den Schluss-Showdown geht, rettet ihr einer der Hamburger Oberspitzbuben das Leben. 

Um es kurz zu machen: In ‚Sturmzeichen‘ ist die Kriminalgeschichte äußerst dünn geraten. Dem Autor passieren bei der Entwicklung des Plots zwei, drei gravierende Fehler, die einem aufmerksamen Lektor hätten auffallen können. Da hilft die zierliche Ilka ein paar Ganoven – sie ist diesen gerade auf der Spur – beim Ausladen des ›Stoffes‹ aus einer Schaluppe. Die Pakete wiegen jedes einen Zentner, sodass immer zwei anpacken müssen. Und keiner merkt, dass Ilka eine Frau ist!

Und als sie nach einer solch grandiosen Entdeckung nach Hause kommt, schläft ihr Laurens schon, sodass sie ihm die entscheidenden Hinweise zur Aufklärung nicht geben kann. Und als sie am nächsten Morgen aufwacht, ist er schon mit seiner ganzen Truppe im Hafen, um den (wie wir mittlerweise dank Ilka wissen) »sauberen« Dampfer hochzunehmen – umsonst also. Und dieser ganze unnötige Aufwand, weil die ansonsten so toughe Ilka nicht in der Lage ist, ihren Criminalkommissar aufzuwecken.

Was das Buch trotzdem lesenswert macht, ist die liebevolle und mit viel Detailwissen angereicherte Kultur- und Baugeschichte Hamburgs. Hier schlägt das Herz des Autors, hier kennt er sich aus, hier hat er gewissenhaft recherchiert. In einem zehn Seiten langen Epilog liefert er dazu ein ausführliches Who-is-who des damaligen Hamburgs, zählt auf, welche Einrichtungen, Treffpunkte, Lokale es wirklich gab und welche er dazu erfunden hat. Ungewöhnlich für einen Krimiband ist auch der Bildteil in der Buchmitte. Zu sehen sind nicht nur einige der in Nebenrollen agierenden Personen, sondern auch in Luftaufnahmen einige der seinerzeit ausgeführten Großbauten mit Arbeiterwohnungen. 

Hätschelkind – ein Regionalkrimi?

Hätschelkind von Wilmer Wilkenloh (ein Nordfriesland-Krimi), Gmeiner Verlag, 420 Seiten

(Anmerkung: Hätschelkind bezieht sich auf eine tiefenpsychologische Deutung des Märchens »Der kleine Häwelmann« von Theodor Storm.) Und mit Storm sind wir dann auch gleich in Husum gelandet, wo der Krimi spielt. Vom Verlag als Nordfriesland-Krimi im Untertitel ausgewiesen, gehört »Hätschelkind« also in das Genre Regionalkrimi, das vor etwa drei Jahrzehnten entstand. Die ersten Regio-Krimis (so die Kurzform) stammten aus der Feder von Jacques Berndorf (alias Michael Peute), der mit seinen Eifelkrimis große Erfolge feierte. Etwa zur selben Zeit erschienen im Emons Verlag die ersten Köln-Krimis. Ein neues Genre war geboren. 

Mittlerweile gibt es kaum noch eine deutsche Region, die nicht Gegenstand eines oder gleich einer ganzen Reihe von Regionalkrimis ist. Vor allem der Norden Deutschlands wird von vielen Autoren beackert. Besonders in der Selfpublisher-Szene hat man das Genre entdeckt und glaubt, hier mitspielen zu können. Die Qualität der Krimis – nicht nur bei den Selfpublishern – ist häufig miserabel. Den Regionalbezug glaubt mancher Autor einfach damit herzustellen, dass ein paar Straßennamen, ein paar Lokalitäten und die wichtigsten Sehenswürdigkeiten Erwähnung finden. Davon hebt sich Wilkenlohes »Hätschelkind« wohltuend ab.

Zum Fall: Auf einer Sandbank im Watt vor St. Peter Ording wird eine Frauenleiche gesichtet. Die ist aber, als die Husumer Polizei anonym davon erfährt, von der Flut schon wieder abgetrieben worden. Just in dieser Zeit tagt in Husum die Theodor-Storm-Gesellschaft. Und um den Dichter bzw. um ein plötzlich aufgetauchtes, bisher unbekanntes Romanmanuskript dreht sich der ganze klug ausgetüftelte Plot. 

Storm, der Zeit seines Lebens nur Novellen geschrieben hat, soll als letztes Werk einen Roman geschrieben haben, der aber nicht mehr zur Veröffentlichung kam? Da steht nicht nur die angesehene Theodor-Storm-Gesellschaft Kopf. Was für eine Sensation, welche Zugkraft auch für den Tourismus!

Aber alte Storm-Kenner sind skeptisch. Ein Roman wurde in den Briefwechseln und schriftlichen Hinterlassenschaften nie erwähnt. Natürlich muss das Manuskript von Fachleuten geprüft werden. Bevor der anerkannte Spezialist der Storm-Gesellschaft sein Urteil abgeben kann, wird er erschossen. Wenig später findet man einen beteiligten Journalisten, der an der Abschrift des Romans für eine Veröffentlichung in der Husumer Tageszeitung arbeitet, ebenfalls tot auf. Die Art seiner Schusswunden lässt kaum Zweifel daran, dass hier derselbe Täter am Werk war. 

Hauptkommissar Jan Swensen von der Husumer Polizei hat es nicht leicht. Zunächst spricht alles dafür, dass der Videothekenbesitzer Hajo Peters, der das Storm-Manuskript entdeckt hat, auch der Mörder ist. Aber Jan Swensen glaubt nicht so recht daran. Hartnäckig bleibt er an dem Fall, auch wenn sein Chef die Lösung der Morde schon feiern will. Und schließlich kommt er der genial eingefädelten Intrige des wirklichen Täters auf die Spur. 

Kritik: Diese Geschichte hat echte Tiefe. Der Plot ist raffiniert konstruiert und voller Überraschungen. Etwa ab der Hälfte hat dieser Roman mich wirklich gefesselt. Was mich an der Schreibe des Autors allerdings stört, sind die künstlichen Pausen, die er erzeugt, indem er allzu viele spannende Situationen offen lässt, in der Zeit vorwärts springt, um dann erst später die Situation aufzulösen. In meinen Augen auch eher störend sind die gedanklichen Abschweifungen Swensens in sein buddhistisch geprägtes Weltbild. Das hakt und bremst und bringt ihn auch nicht wirklich weiter bei der Lösung des Falles. 

Der Verlag hätte gut daran getan, das Manuskript einem/-r versierten Korrektor/-in vorzulegen. Kommata scheinen überflüssiges Beiwerk zu sein. Oder glaubt man vielleicht, durch die Auslassung der Satzzeichen Druckertinte zu sparen? Gegen Ende häufen sich falsche Trennungen. Die Orthographie ist ansonsten nicht zu bemängeln, da gibt es in anderen Titeln dieses Genres viel gravierendere Ausreißer. 

Das Lektorat hat seine Arbeit getan. Mir sind keine großen Logikfehler aufgefallen, ein Umstand, der in der gängigen deutschen Krimi-Literatur recht selten geworden ist. Der Roman ist gut lesbar, nur ab und an schießt der Autor mit Bildern etwas über sein Ziel hinaus. Beispiel: »Regen knallt wie Maschinengewehrfeuer gegen die Fensterscheibe.« Und ob Swensens Lieblingsitaliener tatsächlich ein derartiges Kauderwelsch spricht, wie im Buch gebraucht, bezweifele ich.

Ein wichtiger Hinweis: Die Geschichte spielt vor etwa 20 Jahren, es gibt zwar schon Handys, aber bezahlt wird noch D-Mark. Das ist vermutlich auf die expansive Politik des Gmeiner-Verlags zurückzuführen, der sich seinen Platz als einer der führenden Anbieter von deutschen Regionalkrimis wohl dadurch erobert hat, dass er auch ältere Manuskripte annahm, um in möglichst vielen Regionen zu Hause zu sein. Darunter leidet die ansonsten bei Regionalkrimis geforderte Aktualität. 

Aber das sind Marginalien in einem sonst gelungenen Text. Von mir gibt es eine klare Empfehlung für diesen Krimi. 

#Husum #Theodor-Storm #Regionalkrimi #Wimmer-Wilkenloh #Rezension #Hätschelkind

Lies mich! oder Der verlorene Sommer

Jetzt nur für wenige Tage kostenlos als e-Book lesen: Ein Geheimtipp für alle Hamburg-Fans.

Diana Seidel: Lies mich! oder Der verlorene Sommer.

 

Eines Morgens wacht Tim auf und meint, er sei Jesus. Seine Schwester Alex setzt alles daran, herauszufinden, was die Psychose bei ihm ausgelöst hat.

Und wie urteilt eine Leserin auf Amazon? …  spannend bis zum Schluss, witzig mit allzu weltlichem Übersinnlichen … Zwischendurch muss man direkt laut lachen und dann schnell weiterlesen, um zu wissen, was nun wieder los ist. Ich möchte von dieser Autorin noch möglichst viel lesen.

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Der Stern der Elbe

Der Stern an der Elbe (so der ursprüngliche Titel)  – von Diana Seidel)
Ein ganz und gar erstaunliches Buch. Es fängt an wie ein altmodisches Mädchenbuch, entwickelt sich aber schnell zu einem weiblichen Entwicklungsroman. Das Buch ist flott, frisch und immer mit Schalk in den Augen geschrieben. Die Geschichte bleibt stets fesselnd und amüsant. Hauptperson ist die freche, selbstbewusste Jetta. Eine junge Frau, die genau weiß, was sie will und sich dies auch nimmt. Sie ist zweifelsohne egoistisch,  bleibt trotzdem oder gerade deswegen sympathisch.

Eingebettet ist ihre Geschichte in das Schicksal der ganzen Familie Reckwisch. Jedes Familienmitglied ist sehr individuell gezeichnet, jeder ein ganz unterschiedlicher Charakter. Einige sind sympathisch, einige weniger. Aber auch sie entwickeln sich. Fritz, der hübsche Bruder, ist als Kind hinterhältig und berechnend, wird später, als Erwachsener, zumindest im Umgang mit seinem (ungewollten) Kind, menschlicher. Die Reckwischs sind alle sehr selbstbezogen bis auf die Mutter und die ältere Schwester.

Die Zeit, die Geschichte spielt direkt nach dem ersten Weltkrieg bis in die Zwanzigerjahre, wird sehr lebendig geschildert. Als Leser sieht man das alles plastisch vor sich, sogar die teilweise selbst hergestellte Schminke und die Frisuren.

Spannend und lebhaft erzählt liest man den Roman in einem Rutsch durch. Der Schluss kommt nicht wie ein Abschluss daher, sondern, als ob es eine Fortsetzung geben könnte. Ich freue mich darauf, mehr von dieser Familie zu lesen.

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Klappentext

Über das Buch:
Jetta Reckewisch ist dreizehn Jahre alt, als ihre Eltern nach Ende des Ersten Weltkriegs das Gasthaus „Zum Stern“ eröffnen. Anders als ihre drei Geschwister hat sie allerdings Aufregenderes im Sinn, als nach der Schule im „Stern“ mitzuhelfen. Mit sechzehn schneidet sie sich zum Entsetzen des Vaters die Haare kurz, schminkt sich und genießt mit engelsgleicher Unschuld die Verehrung vieler junger Männer. Bis sie sich eines Tages unsterblich verliebt und für eine Nacht alle guten Vorsätze über Bord wirft; am nächsten Morgen ist der schöne Unbekannte verschwunden, aber die Liebesnacht bleibt nicht ohne Folgen. Mit Anmut und Raffinesse nimmt Jetta jetzt ihr Leben in die Hand, während in Deutschland und der Welt die Ereignisse sich immer krisenhafter zuspitzen.